Unter Tage in Potosí

Irgendwie kam es uns ja schon verdächtig vor, dass bisher mit unserer Reise in Bolivien alles so glatt lief, denn vorher hatten wir gelesen, dass man nicht richtig in Bolivien war, wenn man keinen Streik erlebt hat. Und so landeten wir in Potosí und ein paar Stunden später wurde für 24 Sunden der nationale Streik aller Busfahrer ausgerufen.

Grund war, dass die Regierung ein neues Gesetz erlassen wollte, welches dem Busfahrer die Schuld gibt, wenn Drogen in seinem Fahrzeug gefunden werden. Na, da wären wir aber auch auf die Barrikaden gegangen. Zum Glück war unser unfreiwilliger 2 Tages Aufenthalt in Potosí nicht allzu schlimm, denn die Stadt hat defintiv mehr Charme und Leben in sich als das sterile Sucre.

Die Stadt gilt übrigens als eine der höchstgelegenen Großstädte der Welt und so bewegten wir uns die zwei Tage auf knapp 4.000 Metern Höhe, für uns inzwischen kein Problem mehr. Einst war Potosí die reichste und bevölkerungsreichste Stadt Südamerikas – vor allem aufgrund der größten Silbermine der Welt.

Unser Hauptziel in Potosí waren die Minen und ihre Arbeitsbedingungen. Touristen können in der für den Bergbau bekannten Stadt in die Tiefe hinabsteigen. Etwas mulmig war uns vorher schon zumute, aber nur wer in die Mine steigt, bekommt ein Gefühl für die Arbeitsbedingungen der rund 15.000 Minenarbeiter, deren Lebenserwartung wegen der ziemlich gesundheitschädigenden Arbeitsbedingungen meist nur bei 45 Jahren liegt.

Nachdem wir eine Erklärung unterschrieben haben, dass wir uns des Sicherheitsrisikos (z.B. Tod durch Einsturz der Mine) bewusst sind, gings mit Arbeiterkleidung und Lampe Richtung Markt der Minenarbeiter. Hier kann man Coca Blätter kaufen, Dynamit und hochprozentigen Alkohol sowie Schutzkleidung. Bevor man in die Mine steigt, kauft man nämlich Geschenke für die Arbeiter, die man dort trifft. Dynamit erwerben ist für Touristen untersagt, daher begnügten wir uns mit Wasser, Saft und Coca Blättern.

Gerade die Coca Blätter sind extrem wichtig für die Arbeiter. Bis zu 200 Blätter haben die Arbeiter im Mund. Die Wirkstoffe schützen vor Müdigkeit und Hunger. Dies ist wichtig, da die Arbeiter unter Tage nicht essen. Bei 8 Stunden ganz schön hart.

Abgebaut werden hier meist Zinn, Kupfer und Silber. Viele Arbeiter tragen keine speziellen Masken, da diese das Atmen erschweren. Und: Je tiefer man in die Mine einsteigt, desto höher die Temperaturen. Kein Platz also für Sicherheit. Das Nicht-Tragen von Masken führt unweigerlich zu den sogenannten Staublungen und zum verfrühten Tod. Zudem müssen die Arbeiter ihre Ausrüstung selber kaufen, wenn sie bei Kooperativen statt privater Firmen arbeiten. Vorteil der Kooperativen ist jedoch, dass die Arbeiter direkt am Erworbenen beteiligt sind und auch ihre Arbeitszeit selbst bestimmen können. Dies kann in Zeiten, wo wenig abgebaut wird, aber auch von Nachteil sein.

Wir waren mit unserem Guide ganz allein unten in den Minen, weil Streiktag war und die Touren nur unter erschwerten Transportbedingungen stattfanden. Dies war aber ganz gut, denn so konnten wir selbst bestimmen, wann wir wieder rauswollten. Mehr als eine Stunde haben wir es nicht in den Tunneln ausgehalten, dabei waren wir nur auf den ersten beiden Ebenen und mussten kaum kriechen. Kaum vorstellbar, wie es ist, hier 8 Stunden zu arbeiten. Kinder haben wir unter Tage übrigens nicht getroffen. Unser Guide meinte, viele Programme aus dem Ausland helfen inzwischen, die Kinderarbeit in Potosí zu minimieren. Hoffentlich hat er recht.

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