Muang Xay, Oudomxay, Udomxai

Wenn ein Ort so viele Namen und Schreibweisen hat, ist es schon ein kleines Wunder, wenn man überhaupt das richtige Busticket ergattert. Wir haben es jedenfalls geschafft und in jedem Reisebüro, wo wir uns nach dem Preis einer Fahrkarte erkundeten, Gelächter geernetet für unsere Ausprache. Nicht, dass wir auch nur zweimal die gleiche Aussprache gehört hätten, jeder hatte seine eigene.

Warum man sich in 20 verschiedenen Büros nach einem Preis umhört? In Asien ist alles Verhandlungssache und so bekamen wir Preise zwischen 90.000 und 130.000 Kip zu hören für ein und denselben Bus. Immerhin ein Unterschied von 4 Euro. Das ist die Hälfte von einem Zimmerpreis. Und im Reiseführer stand eigentlich 45.000 Kip.

Mit dem Ticket in der Hand gings dann los in die “wohl am meisten unterschätzteste Stadt Laos” – so der Reiseführer. So was macht doch neugierig. Im Grunde genommen besteht das Städtchen aus einer großen Hauptstraße mit ein paar Abzweigungen und wird von Laoten und Chinesen gleichermassen bevölkert. Hier haben wir uns das erste Mal auch etwas hilflos gefühlt und das Zeigewörterbuch aus dem Rucksack geholt. Englisch? Fehlanzeige. Kein einziges Wort. Aber Scharade spielen macht ja auch Spaß und der Rezeptionist bekommt hundert Punkte für das Erraten von Michas grandioser Darstellung von Toilettenpapier.

Ansonsten ruhten wir uns in Oudomxay ein wenig aus und sammelten Kraft für unseren geplanten Trek in ein Khmu Dorf. Das Touristenbüro hat in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Entwicklungdienst verschiedene Treks ausgearbeitet, damit die Leute hier mehr Geld verdienen können. Uns so ging es mit unserem Guide, der wirklich und wahrhaftig den Namen Mr. Bonsai trug, in die Wildnis. Ob Mr. Bonsai nun wirklich ein Guide war oder nicht, konnten wir nicht so recht erahnen. Seine erste Handlung bestand darin, im nächsten Dorf einen anderen lokalen Guide anzuheuern. Dort hatte aber keiner Lust und es enstand eine für uns lustige Diskussion zwischen Mr. Bonsai und den Dorfbewohnern. Weil wir kein Wort verstanden, haben wir uns die Diskussion mit verteilten Rollen mal kurzerhand selbst live synchronisiert. Ein guter Zeitvertreib und so schlecht waren wir gar nicht, denn kurz darauf verkündete Mr. Bonsai, dass der Guide mehr Geld will, aber das Budget nicht mehr vorsieht. Irgendwie wurden sich dann doch noch alle einig und es ging mit Mr. Bonsai und dem lokalen Guide den Berg hinauf.

Erster Halt war eine Dorfschule. Eigentlich gibt es wohl dort drei Lehrer, aber zwei davon waren gerade nicht da. So bekommen die Kinder Aufgaben und erledigen diese selbst mit einer unglaublichen Disziplin und Ruhe. Am erstaunlichsten fanden wir die ganz Kleinsten (ca. 5 Jahre alt). Die Lehrerin hatte ihnen einige Buchstaben an die Tafel gemalt und sie mussten diese laut aufsagen. Immer wenn ein Kind fertig war, begann das nächste in der Reihe – einfach so, ganz ohne Lehrer. Und die anderen verbesserten, wenn nötig.

Unterwegs trafen wir ein paar Männer, die sich eine Art Zwillen-Holzgewehr gebaut hatten. Mit dieser spannenden Konstruktion schießen sie Vögel von den Bäumen und Micha durfte auch einmal zielen üben. Kurze Zeit später sahen wir dann noch einen Schmied bei der Herstellung eines Messers zu.

Mittags gab es Picknick im Wald. Mitten auf dem Weg legten die beiden Männer Palmenblätter aus und breiteten das Essen (sticky Rice und zwei Soßen) darauf aus. Eines der schönsten Picknicke, die wir bisher hatten. Gegen halb 3 waren wir in dem Khmu Dorf angekommen. Nach soviel Action am Vormittag waren wir natürlich hochgespannt. Aber der Plan unseres Guides (der lokale Guide hatte sich an dieser Stelle von uns verabschiedet) bestand darin, auf einer Holzbank zu sitzen, bis es etwas zu essen gab (um 19 Uhr). Von diesem Plan waren wir weniger begeistert. Daher schlug er vor, uns die Toiletten zu zeigen. Und schob schnell hinterher, dass er vergessen hatte, uns vorher zu sagen, dass dieses Dorf keine Toiletten hat. Die Begründung: “Das Dorf gibt es an dieser Stelle erst seit 2 Jahren.” Viel erwartet hatten wir ja nicht, aber zumindest ein Loch irgendwo. Immerhin leben hier über 130 Leute. So suchten wir uns ein Plätzchen im Dorf-Wäldchen, wo hoffentlich noch keiner der 130 Leute und gefühlt genauso vielen Hunden war und hörten an dieser Stelle auf zu trinken. Wer braucht schon Wasser?

Zurück auf der Lieblings-Holzbank von Mr. Bonsai sah der Plan seinerseits nicht viel anders aus als vor dem Toilettenausflug. Unsere langgezogenen Gesichter bewegten ihn irgendwann zum dem Entschluss, dass er ja rausfinden könnte, in welchem Haus wir schlafen. Wir zogen das große Los und kamen zum Chief, dem Dorf-Häuptling. Neuer Plan: Matratzen ausrollen und Ruhe im Karton. Mr. Bonsai schlief ein und ward 2 Stunden nicht mehr gehört.

Zeit genug, unser neues Heim zu betrachten. Eine Hütte auf Pfählen mit einem Palmendach. In dem einzigen Raum schläft die ganze Familie zusammen. Die Kinder sind unter der Woche in der Stadt in der Schule, so dass wir die Bettenlager dieser nutzen konnten. Später am Abend brachte die Frau noch Moskito-Netze über jeder Matratze (gefüllt mit Stroh oder so) an und sogar eine Decke bekamen wir. So viel Luxus hatten wir gar nicht erwartet. Die Kommunikation zwischen Mr. Bonsai, dem Chief und uns war etwas spärlich. Unsere unzähligen Fragen konnte Mr. Bonsai, der leider überhaupt nichts über die Khmu wusste, nicht beantworten. Ihn dazu zu bewegen, dementsprechend den Chief viel zu fragen, war etwas schwierig. Es schien uns, als ob er selbst der Tourist hier war. So begnügten wir uns mit laotischem Lächeln und Schweigen.

Nach dem Essen mit dem Chief bei Kerzenschein schauten wir uns noch eine Weile die Sterne an. Oh Wunder, waren alle Sternenbilder in Neuseeland, Australien und Fidschi noch auf dem Kopf, sahen wir nun das erste mal alles wieder richtig herum. Und zum Glück gibt es in dem Dorf keinen Strom, so war alles in unglaubliche Dunkelheit getaucht. Gute Nacht Laos.

Am nächsten Morgen weckte uns ein unglaublich herzzerreißendes Jaulen und Massen-Bellen. Kurze Zeit später sahen wir einen abgeschlachteten Hund in einer Ecke. So viel zum dem Thema, dass Mr. Bonsai meinte, in Laos würden die Leute keine Hunde essen. Aber nun erklärten sich auch die unzähligen Hunde im Dorf.

Kurze Zeit später machten wir uns auf den Rückweg in die Zivilisation. Unser Ausflug war ganz nett, wir hätten uns aber mehr davon versprochen. Mr. Bonsai sprach so wenig Englisch, dass er häufig unsere Fragen nicht verstand und wir seine Antworten nicht. Zudem wusste er leider gar nichts über die Khmu. Den Dorfbewohnern schienen wir wenig willkommen zu sein oder es ist nicht die Art der Khmu zu lächeln und “Sabaidee” zu sagen. Wir grüssten jedenfalls alle und bekamen dann ab und zu ein leises “Sabaidee” zurück. Mehr aber auch nicht.

Ein so abgeschiedenes Leben ist schon spannend. Vor wenigen Jahren war das Dorf wohl noch ein wenig weiter den Berg hinauf, die Regierung zwang sie aber an einen neuen Standort, damit sie an eine Straße angeschlossen sind. Die Dorfbewohner bauen alles selbst an – vom Gemüse bis zum Reis. Fleisch essen sie nicht jeden Tag, aber wenn, werden die Hühner, Schweine oder Hunde geschlachtet. Ansonsten sehen die Khmu aus wie jeder Asiate. Die Frauen tragen Röcke, die Männer Jeans und gefälschte Marken T-Shirts.

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