Indien: ein Land der Kontroverse

Ob Sir und Madam (so unsere offiziellen Reisetitel hier) das Land nun mochten oder nicht, wissen sie noch nicht so recht. So ganz konnten wir uns mit den Leuten beispielsweise nicht anfreunden, die Landschaften und das Essen und vor allem das Zugfahren haben uns aber bei Laune gehalten.

Lange haben wir überlegt, warum es uns so schwer fiel. Sicherlich hat es was mit der Reihenfolge der abgereisten Länder zu tun. Nach den Laoten und Burmesen kann sowieso kaum eine Nation an deren Freundlichkeit heranreichen – auch wir selbst nicht. Zudem ist man am Ende einer solchen Reise auch müde.

Dabei waren wir ganz gut vorbereitet auf Indien. Der Dreck und Müll machte uns sicherlich weniger aus als anderen Touristen, die frisch aus Europa eingereist waren. Zudem waren wir inzwischen knallhart im verhandeln, was hier zum Tagesgeschäft gehört. Zu dem ganzen Müll kam lediglich noch die Tatsache hinzu, dass die Menschen hier noch überall hinpissen und hinkacken – sei es an der Straße oder offen am Bahnsteig. Dabei haben wir oft öffentliche Toiletten gesehen, die auch nichts kosteten. Hinzu kam ein ständiges Gerotze, Gepupse und Gerülpse als Geräuschkulisse, die wir lange nicht vergessen werden. Mitten im Chaos stets präsent: die heiligen Kühe. Diese zogen gemächlich durch die Straßen und aßen sich durch die Müllberge durch.

Wahnsinn fanden wir die vielen imposanten Gebäude. Dies hätten wir niemals erwartet, aber Indien hat viele sehr edle Tempel, historische Forts und alte Mausoleen. Da kommen wir mit unseren paar Schlössern nicht an, zumal fast alle sehr sehr gut erhalten waren. Dies muss wahnsinnig viel Geld und Arbeit kosten.

Das Essen für die Menschen ist göttlich und meist so simpel. Im Handumdrehen entstehen leckere Curry-Eintöpfe, die mit Reis, Chapatis oder Naan Broten gegessen werden. Dabei wird Besteck oder – viel häufiger- nur die rechte Hand benutzt, um das Essen in den Mund zu schaufeln. Die linke Hand ist unrein und wird für den Toilettengang genutzt oder um beispielsweise die Schuhe zu richten. Häufig wurde streng nach vegetarisch oder nicht vegetarisch getrennt – auch in den Küchen mit verschiedenen Herden und Töpfen. Einige Kasten sind hier nämlich sehr streng. Als nicht vegetarisch gilt auch schon ein Ei. Ansonsten kommen noch Fisch, Hähnchen oder Ziege auf den Tisch – nicht aber die heilige Kuh. Das Essen ist in der Regel günstig, man kann sich an Straßenimbissen für 25 Rupien (0,33 Euro) satt essen, zahlt aber in Restaurants um die 80-120 Rupien für ein normales Curry plus Reis (40-60 Rupien) oder Chapati- oder Naan-Brote (8-40 Rupien). Nach dem Essen werden Anis-Körner gereicht, die bei bei der Verdauung helfen. Ein netter Abschluss. Zudem haben wir gedacht, es hilft vielleicht, wenn der ein oder andere es mit der Hygiene nicht so genau nimmt. Wir sind aber unserem Bauchgefühl gefolgt und hatten – bis auf einmal bei einem Lassi – immer Glück. Beim Trinken haben wir neben den Lassis vor allem den süßen Chai-Tee (ein Milch-Schwarz-Gewürz-Tee) genoßen, der überall angeboten wird und einfach lecker schmeckt.

Wenn wir nicht im Restaurant oder an der Straße essen waren, schauten wir uns in kleinen Läden oder Mini-Supermärkten um. Super ist hier, dass die staatlich fixierten Maximalpreise direkt auf die Produkte aufgedruckt sind, so gibt es wenig Schummeleien. Und: Wir haben außer auf dem Markt kaum Plastiktüten bekommen, sondern Stoff- oder Papiertüten oder lustige Verpackungen aus alten Zeitungen. Wer hätte das gedacht!

Die Armut war überall gegenwärtig. Die Leute schlafen an Bahnhöfen, Straßen und sogar auf den Absperrungen zwischen den mehrspurigen Fahrbahnen unter freiem Himmel. Auch einige Rikscha-Fahrer – vor allem die Fahrrad-Rikscha-Fahrer – schlafen direkt in oder unter ihrem Gefährt. Die Inder sind wahre Schlafkünstler. Wir haben viele bettelnde Frauen mit Babys gesehen und jede Menge Straßenkinder, die vor allem Müll sammeln und versuchen diesen nach Trennung bei den Recyclingstationen zu verkaufen. Bettelnde Männer waren meist verstümmelt. Am schlimmsten war ein Mann mit verkrüppelten Beinen, der sich mit seinem Betteltopf durch die Straßen von Jodhpur rollte.

Indien ist sehr religiös. Überall sieht man Tempel oder kleine Schreine, in denen sie eine ihrer Gottheiten anbeten. Häufig haben wir bei Preisverhandlungen einen kleinen Aufpreis bezahlt von der vereinbarten Summe (z.B. 10 Rupien oder mehr) – für “good luck”, so die Händler. Das Geld wurde dann – wenn es das erste des Tages war – fünf Mal an die Stirn gehalten und dann an das Abbild einer ihrer Götter. Einer hat auch das “good luck” Geld direkt an eine Statue gesteckt. Neben des Hindus gibt es hier aber auch viele Muslime und Sikhs.

Alles in allem erschienen uns viele Inder noch sehr traditionell, insbesondere gegenüber dem Frauenbild. Die Frauen haben – bis auf Ausnahmen in Großstädten – alle ihre Saris getragen und ihren Kopf bedeckt. Die jungen Mädchen weniger, aber wir denken, dies ändert sich, wenn sie älter sind. Häufig wurde nur Micha adressiert, ich wurde bei Verhandlungen außen vor gelassen oder ignoriert. Einer meinte auch zu Micha, dass die Frauen in Deutschland viel zu viele Freiheiten hätten. Er antwortete, dass sich dies vielleicht in den nächsten 50 Jahren in Indien ändern könnte. Der Mann dazu: Auf keinen Fall. Wir haben das Verhältnis zwischen Frauen und Männern als schwierig wahrgenommen.

Um die Bedeutung von Frau und Mann in der indischen Gesellschaft zu verstehen lohnt ein zusätzlicher Blick auf die Geburtsraten. Ein Mädchen ist nicht so viel wert wie ein Junge. Ein Mädchen wird nämlich nur groß gezogen, um sie dann in eine fremde Familie einzuheiraten (der Wert des Mädchens geht also verloren), der Junge hingegen bleibt bei seinen Eltern und unterstützt diese. Weibliche Unterstützung im Haushalt bekommen die Eltern dann durch die Frau des Sohnes. Eine Frau, die Töchter gebärt, ist somit eine schlechte Frau. Leider nutzen heutzutage viele Inder Ultraschall-Geräte, um weibliche Föten vorzeitig zu erkennen und abzutreiben. Dies ist natürlich inzwischen verboten, aber sicherlich immer noch in einigen Landesteilen gängige Praxis, vor allem auf dem Lande. Es gibt sogar eine Extra-Kampagne “Save the girl child”, die Aufklärung betreibt. In der Zeitung haben wir dazu einen Bericht gelesen, der den Erfolg des Projektes dokumentieren soll. Hier einige Zahlen für euch.

Bundesland 2001 2011
 Punjab  798 846
 Gujarat  883  890
 Haryam  819  834
 Goa  938  942

Was bedeuten diese Zahlen? In Punjab also wurden 2001 798 Mädchen geboren – gegenüber 1.000 Jungen. Die Zahl hat sich in diesem Staat signifikant gebessert, in anderen Staaten hat sich nicht viel getan. Interessanterweise hat eine Organisation zudem noch das Mädchen-Jungen-Verhältnis in Arztfamilien untersucht. Dabei kam heraus, dass hier das Verhältnis nur 907 Mädchen zu 1.000 Jungen beträgt. Der nationale Durchschnitt beträgt aber 914:1000. Die Ärzte sind also selbst am schlimmsten. Durch die niedrige Geburtenquote von Mädchen gibt es aber ein Problem: Es sind nicht genügend zum Heiraten vorhanden.

Die arrangierte Ehe scheint immer noch angesagt zu sein. In einem Artikel haben wir sogar gelesen, dass die Beliebtheit unter Jugendlichen für arrangierte Ehen wieder zunimmt. Sogar in der Werbung wird dieses Thema aufgegriffen. Ein Eheringhersteller warb damit “Because true love can only begin and never end” und statt Parship und Co. gibt es hier Matchmaking-Agenturen, an die die Eltern sich wenden können. Warum auch nicht? Erspart die Suche und den langen Liebeskummer. Apropos Fernsehen: Beim Filme schauen kam stets ein schicker Hinweis, wenn jemand in einer Szene raucht oder Alkohol trinkt, dass dies schädlich sei. Mal schauen, wie lange es noch dauert, bis es bei uns auch in Deutschland soweit ist.

Fast immer, wenn wir eine Zeitung aufschlugen, wurde leider von Gewalt gegen Frauen, vor allem in Form von Vergewaltigungen, berichtet. Insbesondere Neu-Delhi hat eine hohe Gewaltstatistik gegenüber Frauen, hier fand auch die Gruppen-Vergewaltigung im letzten Dezember statt. Dieser Fall ist übrigens immer noch sehr präsent und fast immer wurde vom Fortschritt des Prozesses in den Medien berichtet. Interessant war in den Zeitungen zudem, dass die Personen immer mit vollem Namen, meist auch mit Anschrift, genannt wurden und unter welchem Gesetzesparagraphen die Person angeklagt werden. Ob es aber in Indien signifikant mehr Vergewaltigungen als bei uns gibt, können wir nicht sagen. Sicherlich haben die ausländischen Medien auch viel Mitschuld an dem derzeitigen Indien-Bild. Wir finden, man muss überall vorsichtig sein – egal, ob in Deutschland, Indien oder den USA.

Kommen wir nun dazu, warum wir die Inder nicht so sehr mögen. Das erste Wort, was uns spontan einfiel, war “verschlagen”. Sie waren einfach nie richtig ehrlich. Dies begann bei Preisnachfragen für Taschen und andere Produkte. Hatte man sie endlich runtergehandelt, fiel ihnen noch etwas ein wie beispielsweise, dass das Schneidern so und so viel kostet, das Maßnehmen aber doch nun extra kostet oder auch unser Lampenmann in Udaipur und seine Versicherungssumme, die er nachträglich haben wollte. Endpreis ist Endpreis und alles andere ist nur ein Versuch, den verhandelten Preis wieder in die Höhe zu treiben.

Anstrengend waren auch die Verhandlungen mit den Rikschafahren. Teilweise wurde der vierfache Preis genannt, einige gaben sogar zu, dass es zwei Preisstufen gibt – eine für Touristen, eine für Inder. Wobei auch letztere aus der jeweiligen Stadt stammen müssen, um nicht übers Ohr gehauen zu werden. Es gibt übrigens in einigen Städten Taxameter, diese sind aber meist auf wunderbare Weise kaputt. Teilweise versuchten die Fahrer sogar, hinterher den vereinbarten Preis zu verdoppeln mit der Begründung, der Preis sei pro Person gemeint, nicht aber als Gesamtpreis. Ein Rikschafahrer hat uns in Neu-Delhi auch ganz stehen lassen und trotz verhandeltem Preis und Uhrzeit nicht abgeholt. Als wir dann selbst losliefen und zum Rikscha-Sammelplatz kamen, hatte sich der Preis seiner Kollegen verdoppelt. Nach dem Motto, jetzt sind sie auf uns angewiesen und zahlen schon. Haben wir aber nicht, sondern sind lieber in die Metro gestiegen. Sowieso sind wir oft lieber durch die Hitze gelaufen, als uns auf diese Mafia einzulassen. Nicht nur bei den Rikscha-Fahrern, sondern auch bei anderen Menschen hatten wir zudem das Gefühl, um die Dienstleistung betteln zu müssen. Ach bitte, nimm mich mit, ach bitte, kann ich ein sauberes Laken im Bett haben, ach, ich glaub sie haben vergessen das Bad zu putzen. Es war einfach anstrengend, diesen Kampf jeden Tag ausfechten zu müssen und das hohe Selbstbewusstsein der Inder hat nicht gerade dabei geholfen.

Zudem kam hinzu, dass die meisten sehr sehr schlechtes Englisch sprechen oder manchmal – unserer Meinung nach – so taten, als ob sie einen nicht verstehen, wenn man sich beschwerte. Wenn einer gut Englisch sprach, war meist Vorsicht geboten: Dies waren die Schlepper, die einem irgendeinen Mist andrehen wollten. Dies hat leider auch dazu geführt, dass man kaum jemanden in einer Großstadt nach dem Weg fragen konnte. Irgendein anderes Reisebüro eines Freundes oder einen Laden des Onkels war immer viel besser und dichter, als das, was man gesucht hatte.

Am schlimmsten waren die Inder beim Schlange stehen. Grundsätzlich wurde vorgedrängelt – egal ob am Bahnhof, beim Einsteigen in den Zug oder am Ticketschalter. Es ist eine Ellenbogen-Gesellschaft, die uns häufig sehr egoistisch vorkam. Man selbst hat schlechte Chancen, wenn man sich normal anstellt. Einmal stellten wir uns bei der Bahn mit einem Zettel in der Hand für Last-Minute-Tickets (ein Kampf) an und dann kam ein Mann, der willkürlich auf jeden Zettel eine Nummer schrieb, die die Reihenfolge der Schlangesteher bestimmen sollte (wir standen alle schon in einer Schlange). Wir sollten plötzlich irgendwo ans Ende. Einfach taub stellen und Ellenbogen raus. Wenn die sich nicht an Regeln halten, müssen wir es auch nicht, war irgendwann unser Motto. So kamen wir ganz gut durch. Allerdings haben wir mehr als einmal im Gedränge gesagt, dass Indien das Land ist, wo wir auf keinen Fall in einer Massenpanik landen wollen.

Auf der Straße zeigte sich der Egoismus noch mehr. Statt Vorfahrt gewähren oder kunstvolles Einfädeln wie in den anderen asiatischen Länder fuhr jeder, wie er wollte und hupte notorisch, wenn es nicht weiterging. Mehr als einmal standen wir in einem großen Verkehrsknäuel, in dem keiner nachgeben wollte. Sobald sich eine kleine Lücke ergab, nutzte einer diese aus, für den sie nicht bestimmt war. Hauptsache ich, hieß es im Verkehr. Unmut wurde einfach mit permanentem Hupen ausgedrückt. Gehupt wird aber auch, ums auszudrücken “hier komm ich, ich hab somit Vorfahrt”. Dieses Geräusch wird uns noch lange verfolgen, denn es wird einfach immer verwendet, auch wenn keiner auf der Straße ist oder sehr viel Platz ist. Auf viele Autos steht hinten drauf “Please Honk”, soll soviel heißen, wie “Bitte hupfen, wenn du überholst”. Naja, machen sie halt auch, wenn es absolut unpassend ist, zu überholen. Und so ganz eins war man sich meist auch nicht über die Reihenfolge, wenn mehrere hupten und überholen wollten.

Am unangenehmsten für uns war das Starren. Wir sind sicherlich exotisch und groß und anders, aber statt ein, zwei verstohlener Blicke schaut dich doch glatt eine Person locker mal eine halbe Stunde oder mehr an. Im Zug sogar noch länger. Da setzt sich glatt die ganze Familie hin und beobachtet einen wie im Zoo. Zudem wurden wir immer vor Kameras gezerrt. Einige waren sehr nett und fragten höflich, oft hieß es aber nur streng “Foto”, egal ob man gerade im Gespräch war oder selbst gerade mit der Kamera hantierte. Warum Micha auf diesen Fotos oft nicht mit drauf sollte, wissen wir bis heute nicht ganz genau. Vielleicht war es für die Inderinnen unpassend mit einem fremden Mann auf einem Foto zu sein.

So weit unsere Eindrücke. Irgendwie klingt dieses Fazit negativer als wir es wollten, aber es gibt sicherlich ganz gut unsere Eindrücke wieder. Diese Punkte waren natürlich aber immer nur Einzelsituationen. Wenn man nachher alles zusammen betrachtet, ist Indien ein spannendes Land, dem wir lediglich noch den Stempel “anstrengend” aufdrücken würden. Und trotz des großen Selbstbewusstseins der Inder, haben wir viele viele Begegnungen mit hilfsbereiten und freundlichen Menschen gehabt, die uns unseren Aufenthalt versüßt haben. Und was glaubt ihr, wie wir uns gefreut haben, in London am Flughafen so viele indische Sikhs in der Sicherheitskontrolle zu sehen. Mit einem kamen wir auch gleich ins Gespräch, weil er unsere Kiste indischer Mangos entdeckte und für sich beschlagnahmen wollte. Also, liebes Indien, du bist nicht das Land, was wir sofort wieder besuchen müssen, aber wir würden uns freuen, dich wiederzusehen.

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