6.088 minus 108 – der Versuch den Huayna Potosí zu erklimmen

Kaum in La Paz angekommen, begann unsere Lieblingsbeschäftigung: Reiseagenturen nach Touren abklappern. Auf dem Plan standen die Salzwüste und der Urwald.  Am Ende hatten wir viele Informationen und wunde Füße, aber nach vielem Überlegen und einer Nacht drüber schlafen, entschieden wir uns jedoch erst einmal für ein wirkliches Abenteuer fernab von Wüste und Urwald: einen 3-Tages-Trip hoch rauf auf den Huayna Potosí Berg auf 6.088 Meter Höhe. Der Berg soll einer der leichteren 6.000er zum Besteigen zu sein, auch für welche ohne viel Erfahrung.

Nach dem wir gebucht hatten, suchten wir schnell einen Outdoorladen auf, um mich mit atmungsaktiver Unterwäsche zu kleiden. Eike war bereits bestens ausgestattet. Den Rest des Equipments bekammen wir von der Agentur Altitud 6000 gestellt, um bei bis zu minus 15 Grad bestehen zu können. Weiterhin deckten wir uns mit Pillen gegen Höhenkrankheit und reichlich Schoki und Nüssen ein. Einzig gegen die enorme Aufregung und das ständige Hinterfragen, ob wir das wirklich machten sollten und vor allem auch überstehen, gab es keine Pillen.

Tags drauf ging es dann los. Im Agenturbüro packten wir das gestellte Equipment zusammen. Da kam einiges zusammen: Windbreaker, Fleecejacke, Skihose, Fleecehose, Bergschuhe, Eispickel, Steigeisen, Handschuhe, Helm, Gürtel zum Abseilen und Schlafsack. Nach zwei Stunden Fahrt kamen wir im Basislager auf 4.700 Meter an. Nach kurzer Pause ging es gleich zum Eisklettern an den Gletscher. Ein bisschen Spass und ein wenig Vorbereitung auf das, was noch vor uns stand. Mit Eispickel und Steigeisen ausgestattet erklommen wir dann locker unsere erste, wenn auch kleine, Gletscherwand. Dies hat uns beiden richtig Spaß gemacht und war weniger anstrengend als gedacht.

Aber Tag 2 sollte es dann in sich haben. Er begann mit dem Aufstieg vom Basislager hoch hinauf ins Campo Alto, von wo dann der wirkliche Aufstieg auf den Huayna Potosí in der Nacht starten sollte. Für den 2-stündigen Aufstieg zum Campo Alto hatten wir auf unserem Rücken unsere mit Equipment voll gepackten Rucksäcke. Die etwa 15 Kilogramm fühlten sich am Ende schon eher wie 30 Kilogramm an. Doch wir kamen gegen Mittag im Campo Alto an und wurden mit Burgern und Pommes belohnt. Am Nachmittag probten wir dann noch den Ernstfall mit unserem Guide für die Nacht: das perfekte Fallen am Berg. Keine Panik: Der Guide wollte es uns eher mal zeigen und mit uns ein wenig Spaß haben. Er rechnete nicht wirklich mit dem Ernstfall und zudem hat keine andere Gruppe dies auch geübt. Aber es war lustig und immer noch besser als bei der Kälte nur in der Hütte zu sitzen. Um 18 Uhr gab es dann bereits Abendessen, denn um 24 Uhr war Aufstehen angesagt. Leider war an Schlafen nicht zu denken: Erstens waren auf dem Dachboden mit uns etwa 25 andere Leute dicht an dicht an aneindergequetscht und zweitens trug die Aufregung ihr weiteres dazu bei, dass ich gefühlt höchstens 15 Minuten wirklich geschlafen habe. Eigentlich keine guten Vorraussetzungen für den Aufstieg.

Der Traum von jenem war für Eike schon vor dem Schlafen gehen ausgeträumt. Sie fühlte sich schon beim Aufstieg zum Campo Alto nicht sonderlich gut. Bis heute wissen wir nicht, ob es an den wahrscheinlich nicht mehr guten Fischnuggets (sie lagen 2 Stunden in der Sonne im Auto) oder doch an der Höhenkrankheit lag. Sie kämpfte sich jedenfalls mit Bauchschmerzen und Übelkeit ins Campo Alto hinauf. Ein weiterer Aufstieg zum Gipfel ergab kein Sinn.

So war ich es allein, der die Wanderung hoch auf 6.088 Meter auf sich nahm. Nach einem kurzen Frühstück (um 0.30 Uhr nicht wirklich lecker) machte ich mich mit unserem Guide mit allem angezogenem Equipment auf den Weg. So viele Schichten Wäsche hatte ich in meinem Leben noch nie an… Nach 30 Minuten überholten wir eine Brasilianerin, die auf ihrem Eispickel gestützt wie eine alte schleichende Oma mit ihrem Krückstock aussah. Man, hatte ich ein Mitleid und gleichzeitig die Bitte an den Bergdoktor, dass ich nicht so enden möge. Ich fühlte mich von Anfang an recht müde, zudem plagte auch ich mich mit leichten Bauchschmerzen, die ich auf dem Weg nicht loswerden sollte. Dennoch kämpfte ich mich Meter um Meter den Berg hinauf. Kleine Päuschen mit Coca-Tee, Schokolade und DextroEnergy waren wie eine mentale Massage für mich. Das erste Mal, das ich fragte wie viel schon hätten, war bei 5.500 Meter Höhe, etwa ein Drittel des Anstieges. Vorher hattte ich mich nicht getraut und wollte es auch nicht wissen. Ich hatte mich einzig darauf konzentriert Schritt nach Schritt in dem von meiner Stirnlampe beleuchteten Schneeweg zu machen. Die Landschaft musste ich mir ja auch nicht anschauen, es war dunkel. Das war auch gut so. Auch ein Klogang bei fiesem Wind konnte mich nicht beeindrucken. Doch gegen 4.30 Uhr morgens wurden die Schritte immer schwerer und vor allem machte mir der blöde Schokoriegel, der mir eigentlich zusätzliche Super-Power geben sollte, zu schaffen. Er hing mir bis zur Rückkehr zum Campo Alto im Halse. Gegen 5.30 Uhr wurden die Pausen mittlerweile länger als das Klettern an sich. Eine halbe Stunde später musste ich mit einem zauberhaften Sonnenaufgang und einem wunderschönen Blick auf die Spitze den Anstieg beenden. Bei etwa 5.980 Metern konnte ich einfach nicht mehr. Bis ganz nach oben fehlten mir also noch 108 Höhenmeter, etwa eine weitere Stunde Qual und Kampf. In Anbetracht der Tatsache, dass ich noch etwa 1.300 Meter bis zum Basislager absteigen musste, machte ich micht leicht enttäuscht auf den Rückweg. Ich war dennoch glücklich. Und beim Anstieg konnte ich dann auch die Landschaft genießen. Es war unglaublich zu sehen, wo man sich vor ein paar Stunden in der Dunkelheit hinaufgekämpft hatte. Eine unglaubliche Schneelandschaft, unzählige Gletscher mit riesigen Gletscherspalten und ein sagenhafter Ausblick auf La Paz, auf die anderen Berge der Cordillera Real und sogar auf den Titicacasee. Und die steilen Anstiege. Hätte ich erst den Abstieg gemacht und gesehen wie hart und steil der Aufstieg wäre, wäre ich wohl nie gestartet.

Nach Ankunft im Campo Alto packten Eike und ich dann schnell unsere Sachen, um zurück ins Basislager zu kommen. Der Abstieg dahin war so voller Geröll und dementsprechend mühsam, dass wir erst mal kein bisschen mehr Lust auf weiteres Trekking haben. Ich war einfach unglaublich müde und kaputt und Eike immer noch angeschlagen. Nach der Rückkehr nach La Paz war die Dusche und das Bett die beste Kombi der Welt. 12 Stunden Schlaf haben wir uns gegönnt!

Auch wenn wir nicht den Gipfel erreicht haben, war es eine wirklich spannendes Abenteuer. Schade, dass die Höhe uns doch noch so sehr zu schaffen gemacht hat. Die Besteigung ist durchaus auch für Unerfahrene möglich, eine gewisse sportliche Affinität und Fitness sollte aber vorhanden sein. Zudem kann man leider nie sagen, bei wem die Höhenkrankheit ausbricht.

This entry was posted in Bolivien, Südamerika. Bookmark the permalink.

2 Responses to 6.088 minus 108 – der Versuch den Huayna Potosí zu erklimmen

  1. Louise says:

    Gut, dass ihr mich zu Haus gelassen habt.
    1. Ihr hättet mich zusätzlich tragen müssen.
    2. Mir wär`s zu kalt gewesen.
    Aber:
    So eine Nachtwanderung lieben wir Eulen eigentlich.
    Sagt also beim nächsten Mal rechtzeitig Bescheid.
    Vielleicht flieg ich dann kurz mal vorbei.

  2. Seeloewe says:

    Auch ein Abbruch ist ein Sieg,
    m. E. sogar ein größerer als das Gelingen.

    Ich gratuliere euch beiden zu eurem Wagemut,
    besonders aber zur Einsicht, dass ihr Grenzen habt.

    Wir alle freuen uns mit euch über die tollen Erlebnisse
    und eure weisen Entscheidungen.

Comments are closed.