Dem Tod so nah in Varanasi

Unser Grenzüberquerung Nepal-Indien lief erstaunlich reibungslos und freundlich ab. Sogar Kugelschreiber auf der indischen Seite wurden gestellt. Vorbildlich! Nach ein wenig Taxifahren auf der nepalesischen Grenze gings in Indien mit dem Bus weiter nach Gorakhpur. Mit minimalsten Platz hielten wir die 3 Stunden brav aus, schließlich stand am Ende des Tages unsere erste Zugreise in Indien als Belohnung an.

Am Bahnhof hieß es aber erst einmal warten, denn deutsch wie wir immer noch sind, waren wir natürlich viel zu früh da. Gestärkt haben wir uns im staatlichen Bahnhofsrestaurant – ein Riesenteller für 35 Rupie (0,50 Euro). Der Zug war erstaunlich bequem und sauber und so kamen wir spät abends in Varanasi an.

Erstes Hindernis: Über hunderte Menschen steigen, die am Bahnhof auf dem Boden schliefen. Zweites Hindernis: Den Rickshaw-Fahrer dazu zwingen, einen auch in das richtige Hotel zu bringen und nicht in das, wo er Provision bekommt. Beides mit Bravour gemeistert!

Tag 2 in Indien begann mit kühlen 44 Grad und einem leichten Wind. So konnten wir die zahlreichen Ghats (zum Ganges führende Treppen) besichtigen und uns in den Gasen verirren. Zudem sahen wir unsere ersten Einäscherungen. Die Hindus verbrennen ihre Leichen öffentlich. Zuvor werden die Leichen in den Ganges getaucht und dann wird ausgerechnet, wie viel Holz benötigt wird. Dies ist eine teure Angelegenheit (ca. 5000 Rupie = 70 Euro, hängt aber von dem verwendeten Holz ab), so dass sich dies nur die Reicheren leisten können. Ärmere haben noch die Möglichkeit, das Krematorium zu nutzen (1000 Rupie = 14 Euro). Die erste Variante dauert etwa 3 Stunden, letztere nur 30 Minuten. Dabei ist die Zeit der Verbrennung für die Hindus sehr wichtig, um richtig Abschied nehmen zu können. Die Asche wird anschließend in den Ganges gekippt, danach gehen viele im Fluss baden. An Beerdigungen dürfen übrigens nur Männer teilnehmen (Frauen nur, wenn sie tot sind, so erklärte unser Bootsmann mit einem Lächeln).

Ganz Arme können sich die Verbrennunng gar nicht leisten und werden nur mit einem Stein beschwert in den Fluss gekippt. Kinder unter 5 Jahren, Lebrakranke und Mönche übrigens auch. Mehr dazu hier. Dies ist der Fluss, von dem die Menschen hier leben. Neben Leichen schwimmen auch Fäkalien und Abwässer herum. Nichtsdestotrotz wird fleißig geangelt, gebadet und gewaschen. Lecker.

Alle wollen im heiligen Varanasi sterben, denn hier den letzten Atemzug zu tun, bedeutet Erlösung vom ewigen Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt. Es gibt hier also so etwas wie Sterbetourismus. Zehntausende Hindus werden jährlich am Ganges verbrannt, etwa 600 Tote täglich, so unser Guide. Die Scheiterhaufen brennen 24 Stunden lang – jeden Tag. Die ist auch wichtig, da die Leichen möglichst schnell verbrannt werden müssen (innerhalb von 24 Stunden). Da gibt es nicht erst die Frage nach einem freien Termin, sondern man schaut einfach gleich mit der Leiche vorbei.

Die Rituale zu beobachten, war sehr interessant. Vielleicht ist es auch gar nicht schlecht, dem Toten so seine letzte Ehre zu erweisen und sich Zeit für den Abschied zu nehmen – und zwar öffentlich – mit Gesang, Trommeln und in wunderschöne Tücher und Blumen eingehüllte Leichen. In Deutschland findet der Tot ja nur hinter verschlossenen Türen statt.

Varanasi hat seinen ganz eigenen Charme und kam uns schon fast mystisch vor. Vor allem erschien es uns sehr ruhig – ganz das Gegenteil, was wir von Indien erwartet hatten. Allerdings sahen wir auch viel Armut: Menschen, die in Lehmhütten oder Zelten wohnten, Kinder, die im Dreck spielten und Familien, die sich abends auf den Gemüseverkaufskarren schlafen legten. Manchmal hatten wir den Eindruck, dass es den überall lebenden Kühen besser ging als den Menschen selbst.

PS: Die 46 Grad haben wir überlebt, sogar ohne Klimaanlage!

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