Goldene Zeiten in Amritsar

Eine Nachtfahrt nach Nordwesten im Zug von Delhi entfernt, liegt Amritsar. Über die Stadt und vor allem den sich dort befindenden goldenen Tempel hatten wir schon viel gelesen und gehört. Auf gings also zu den Sikhs, einer uns bis dahin vollkommen unbekannten Religion.

Inmitten der wuseligen Stadt steht der Goldene Tempel, das religiöse Zentrum der Sikhs. Ein wunderbarer Ort der Ruhe und Spiritualität, die sogar Nicht-Gläubige wie uns befällt. Andächtig schritten wir durch die kunstvoll angelegte Anlage. Die einzigen Regeln, die es hier gibt, sind, dass man seinen Kopf bedecken muss und den Tempel nur barfuß betreten darf. Wer nichts dabei hat, dem wird gern ein Kopftuch geliehen. Gelegentlich wurden wir beim Staunen und Schauen unterbrochen. Sehr sehr höflich wurden wir aufgefordert für Fotos zu posieren – zu Michas Glück oder Leidwesen (kommt auf die Perspektive an) – wurde er in 90 Prozent der Fälle außen vor gelassen und ich musste allein posieren. Wir denken, dies hat sicherlich damit etwas zu tun, dass die Frauen nicht mit einem fremden Mann posieren möchten.

Aber zurück zum Tempel. Was macht ihn so besonders? Wir fassen es mal mit den Worten zusammen, mit denen uns ein Sikh diesen Ort erklärt hat:

Viele Religionen beten die Sonne an, aber alle beten die gleiche Sonne an. Gott hat viele Namen, aber alle beten einen Gott an. Es gibt tausend andere Tempel auf dieser Welt, die mit mehr Gold verziert sind. Aber dies ist der einzige, der 24 Stunden geöffnet hat, in dem es 24 Stunden kostenlos Essen gibt, 24 Stunden lang gebetet wird und 24 Stunden lang kostenlos Wasser und Tee ausgeschenkt wird. In diesem Tempel sind alle gleich. Draußen magst du ein Präsident oder Arzt sein, hier drin gibt es keinen Status. Arm und Reich sitzen nebeneinander und essen zusammen. Dies ist nicht der Tempel der Sikhs, sondern der Tempel eines jeden Menschen. Dies ist dein Tempel!

Schön oder? Wir haben unsere Zeit im Tempel sehr genossen. Mehrfach waren wir im großen Speisesaal essen. War es bei unserem ersten Mal noch sehr ruhig und gesittet, hatten wir die Male darauf das indische Erlebnis: Gedränge, Überfüllung und Lärm. War gleich viel spannender. In dem Saal sind Teppiche in langen Reihen ausgelegt, auf denen man Platz nimmt. Vorher hat man von Helfern einen Teller, eine Schüssel und Besteck in die Hand bekommen. Dann kommen Männer mit grossen Eimern rum und füllen einem auf, andere folgen mit Chapati Broten und Trinkwasser. So oft man möchte, wird einem nachgefüllt. Nur aufessen sollte man, denn Verschwendung wird gar nicht gern gesehen. Leider haben dies nicht alle Besucher beherzigt. Wenn man fertig ist, bringt man seine Sachen nach draußen, wo Helfer alles sortieren und für den Abwasch vorbereiten.

Dieses Gewühl ist schwer zu beschreiben. Der Wahnsinn ist ja, dass alles nur mit eherenamtlichen Helfern betrieben wird und alles umsonst ist. Sogar Schlafen kann man hier gratis und es gibt einen kostenlosen Bus zum Bahnhof. Freiwilligenarbeit ist im Sikhismus sehr wichtig und so finden sich mehr als genug fleißige Hände, die ihre Arbeit auch noch genießen. In einem Affentempo schmeißen die Männer beispielsweise die Blechteller von einem zum anderen bevor die Bottiche zum Abwasch gebracht werden. Andere wiederum schneiden geduldig Knoblauch oder Gemüse oder füllen die Tanks mit frischem Chai Tee auf.

Wir meinen mal gelesen zu haben, dass dies die größte Kantine der Welt ist. Rund 3000 Menschen werden in 15 Minuten versorgt. Sogar eine eigenen Chapati Maschine hat der Tempel: Diese spuckt rund 8.000 Fladen pro Stunde aus. Wer jetzt denkt, dass man hier im Dreck erstickt, liegt falsch. Es gibt wohl kaum einen Ort in Indien, der so oft geputzt wird, wenn nicht sogar weltweit. Hier blitzt es an allen Ecken.

Bevor die Pilger den Tempel betreten, werden beispielsweise die Füße gewaschen. Die Teppiche auf denen die Menschen laufen, werden täglich ausgetauscht und man sieht überall Helfer mit einem Wischmop in der Hand. Am beeindruckendsten sind die Esssäle. Hier wird sogar mit den großen Kärchermaschinen alle 10 Minuten durchgefahren.

Wer einige Bilder von der Küchenschlacht mal live sehen möchte, kann gern hier schauen.

Wer mehr über den Sikhismus wissen möchte, kann  hier klicken. Und hier findet ihr Informationen zum Massaker von Amritsar – ein Teil der Geschichte, den wir vor Ort nur über einige Gedenktafeln wahrgenommen haben.

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