Achtung, der Zug fährt ab

Zugfahren in Indien ist so toll, dass es glatt einen eigenen Artikel verdient. Nach Russland und China ist es das drittgrößte Zugnetzwerk weltweit (knapp 24 Millionen Passagiere täglich auf über 115.000 Schienenkilometern).

Auch wir begaben uns auf die Schienen-Reise. Erst einmal muss man aber das Ticket-System und die verschiedenen Buchungsklassen verstehen. Wenn so viele Menschen reisen, ist es natürlich nicht möglich, wie in Deutschland spontan in den Zug zu steigen. Jeder muss sein Ticket vorher kaufen – bis zu 60 Tage im Voraus. Wir hatten Glück. Zum einen, weil Touristen auf ein spezielles Kontingent zurückgreifen können, zum anderen weil Nebensaison war und nicht viele diese Plätze abgerufen haben.

Neben der Holzklasse ohne feste Plätze gibt es noch die Sleeper Klasse (Holzpritschen ohne Bettzeug) und die Klassen 3AC, 2AC und 1 AC. Diese sind mehr oder minder gleich mit Liegen ausgestattet, jedoch unterscheidet sich die Anzahl der Liegen. Bei 3AC sind es 3 Liegen übereinander usw. Die Abteile sind aber offen gestaltet, so dass man keine Tür hat. Dies fanden wir eigentlich ganz gut, so ist man mit seinen Nachbarn nicht so eingesperrt. Zudem hat jede “Bucht” einen Ventilator, den man individuell anmachen kann und verfügt sogar über Steckdosen, um Laptops zu laden. In den 2Ac und 1AC Klassen gibt es sogar noch Leselampen für jede Liege. Für Strecken tagsüber kann man meist auch die Zudem AC Chair Cars buchen mit Sitzen. Es gibt noch einige weitere feine Unterscheidungen, aber dies sollte erst einmal als Überblick genügen.

Um Tickets zu bekommen, kann man sich online einen Account holen. Dies ist aber sehr aufwendig und man kann nur auf das normale, nicht aber auf das Touristenkontingent zurückgreifen. Wir haben es entweder also direkt am Bahnhof probiert oder über Agenturen, die einem gegen ein wenig Provision die heißbegehrten Tickets besorgen. Wenn alles nichts half, hatten wir noch die Möglichkeit, Last Minute Fahrkarten zu kaufen. Dieses “Tatkal” System wird ab 10 Uhr morgens einen Tag vor der Abfahrt eröffnet und bietet Chancen auf einige extra reservierte Restplätze (gegen Aufpreis). Dafür heißt es weit vor 10 Uhr anstellen und die Ellenbogen raus. Es wird gedrängelt, was das Zeug hält. Bei uns hat es geklappt, alle anderen bekommen einen Platz auf der Warteliste. Sollten Leute abspringen, gibt es so noch die Möglichkeit auf eine der begehrten Fahrkarten. Ob man auch wirklich in den Zug steigen darf, kann man an den Aushängen an den Türen ablesen. Dort ist jeder mit Name, Sitznummer und Alter vermerkt. Spannend!

Wer es in den Zug schafft, hat eine spannende Reise vor sich. Die Landschaften sind fast nebensächlich, im Abteil ist es spannend genug. Tagsüber hat man die Möglichkeit, sich mit gestellten Decken und Kissen auf die Liegen zu kuscheln, nachts kann man friedlich vor sich hindösen. Nunja fast, denn schliesslich ist man ja immer noch in Indien.

Die Inder essen beispielsweise viel viel später als wir. So werden die Currys, Chapatis und Co. gegen 21 oder 22 Uhr herausgeholt, wenn wir schon lieber ins Bett gegangen wären. Wenn der Zug um 6 Uhr morgens hält, will man ja auch früh schlafen. Die Inder können ja bei jedem Lärm schlafen, wir aber leider nicht. Wenn die Großfamilie nachts um 4 Uhr aus dem Zug muss, beginnen sie um 3 Uhr auszustehen, die Sachen zusammenzusuchen und zu quatschen – ohne Rücksicht auf die Mitreisenden. Tagsüber war es da schon ein wenig ruhiger. Schließlich haben sie entweder geschlafen oder uns andächtig angestarrt.

Bis auf die ersten beiden Male, wo es merkwürdigerweise kein Essen gab, zog bei den anderen Routen die kulinarische Karawane durch den Zug. Vom Chai Tee über Fruchtsalat und Suppe bis hin zum Reisgericht gab es jede Menge bezahlbare Auswahl. Auch an den Bahnstationen blieben wir nicht hungrig. Die Restaurants sind genauso wie das Bahnnetz verstaatlicht und somit für alle bezahlbar. Ein Thali (2 Gemüsesorten, Reis, Joghurt, 4 Chapatis) gab es so für 0,50 Cent. Auch die Getränke- und Snack-Preise sind staatlich festgelegt. Ein System, dass wir uns auch für Deutschland wünschen im Kampf gegen die überzogenen Preise im Boardrestaurant und in den Bahnhöfen.

Bei Indian Railways gibt es wahnsinnig viele Mitarbeiter. Mit über 1,5 Millionen Mitarbeitern ist es sogar wohl der weltweit größte Arbeitgeber. Das glauben wir gern, denn in Indien stehen in einem normalen Laden schon 5 Mitarbeiter auf 3 Quadratmetern, im Bahnhof aber gibt es unzählige Schalter mit Personal und im Zug hat jede Aufgabe einen anderen Zuständigen – vom Decken austeilen, über Fahrkarten abknipsen bis hin zum Decken wieder zusammenlegen.

Das einzige, was uns ein wenig gestört hat, ist, dass es keine Ansagen im Zug gab über die aktuellen Verspätungen und auch weit und breit niemanden von den unzähligen Mitarbeitern, den man fragen konnte. So musste man sich einfach bereit halten und aber is zu 2 Stunden auf Abruf stehen. Schliesslich kannten wir ja nicht alle Stationen und konnten abschätzen, wie viel Verspätung wir hatten. Online könnte man sich dies vorher aber rein theoretisch anschauen, sogar die Durchschnittsgeschwindigkeit ist dort vermerkt (war meist so um die 40 KmH) und die Reihenfolge der Abteile. Dies ist besonders wichtig zu wissen, denn nicht alle Abteile sind während der Fahrt miteinander verbunden. Wenn man Pech hat, muss man also bis zur nächsten Station warten, um in sein reserviertes Abteil zu kommen.

Wer also gern Zug fährt, ist in Indien gut aufgehoben.

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